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Kategorie: Ausgabe 29. Juli 2014

25 Jahre friedliche Revolution auf dem Emilienberg

Erste Demo nach Friedensgebet

Als am 4. November 1989 sich in der Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK)auf dem Emilienberg in Annaberg-Buchholz ca. 600 Menschen in der überfüllten Kirche zum Friedensgebet versammelt hatten, war auch auf dem Kirchengelände kein Platz mehr frei. Ca. 7000 Menschen hatten sich eingefunden, um nach dem Friedensgebet zur ersten Demo vom Emilienberg an der SED-Kreisleitung vorbei zum Rathaus auf dem Marktplatz aufzubrechen. Dass die Demonstration ihren Ausgang von der Kirche am Emilienberg nahm, hat eine Vorgeschichte. Ausgangspunkt sollte ursprünglich die St. Annen-Kirche sein. Von dort wurde aber kein grünes Licht gegeben, so dass Pastor Fritzsch, der Mitbegründer des Neuen Forums (NF) Annaberg-Buchholz war und zur Gründungsversammlung schon die Gemeinderäume der Kirche auf dem Emilienberg zur Verfügung gestellt hatte,  nach Absprache mit Verantwortlichen der Gemeinde, sich bereit erklärte, die Kirche für den Termin zu öffnen, was freilich in der Gemeinde nicht auf ungeteilte Zustimmung traf. Nun  wollte er diese Entscheidung seinem  Bischof  mitteilen und  dessen Plazet einholen.  Als Sekretär in der Kanzlei des Bischofs der EmK erinnere ich mich noch, als wäre es erst gestern gewesen, dass ein Telefonanruf aus Annaberg-Buchholz kam. Pastor Thomas Fritzsch, seit 1988 mit der Leitung des Bezirkes Annaberg-Buchholz betraut, bat mich am 9. Oktober 1989, ihn doch bitte mit Bischof Dr. Rüdiger Minor zu verbinden. Er habe ein dringendes Anliegen vorzutragen. Was wird es wohl sein, fragte ich mich nicht aus Neugierde, sondern aus Sorge, denn es lagen Dinge in der Luft,  die zwar zu  großen Hoffnungen Anlass gaben, aber auch Befürchtungen aufkommen ließen.  Pastor Thomas Fritzsch schreibt davon in seinem persönlichen Bericht „Die Wende“: „Wie dicht lagen sie in diesen Tagen beieinander und trafen immer wieder aufeinander, die Hoffnungen auf eine gewaltfreie Veränderung der Verhältnisse in unserem Land und die Menschenverachtung, die nur noch die Machtstrukturen der Herrschenden zementieren sollte. Doch mit dem historischen Hoffnungsmontag, am 9. Oktober in Leipzig, wurde der „Wende“ das Siegel der Unumkehrbarkeit aufgedrückt. An diesem Tag erhielt ich auch von meinem Bischof Dr. Minor die Zustimmung, unsere Evangelisch-methodistische Kirche in Annaberg für Friedensgottesdienste und Informationsveranstaltungen des Neuen Forums offen zu halten. In den nächsten Tagen hatte sich um Albrecht Kämpf eine Basisgruppe des Neue Forums gesammelt, die das Anliegen des Neuen Forums in der Bevölkerung bekanntmachen sollte.  Für den 4. November wurde ein erster Friedensgottesdienst am Emilienberg angesetzt. Noch war mir die Tragweite meiner Entscheidung noch nicht ganz bewusst. Wohl rechnete ich mit einigen Hundert Interessierten. Unsre Kirche kann etwa 500 Personen fassen. Einige Tage vorher bestätigten sich die Vermutungen, dass wir mit einer weitaus größeren Zahl zu rechnen hatten. Aus fast allen Orten des Kreises kamen anfragen, wann die Veranstaltung stattfinden soll. Ganze Betriebskollektive signalisierten ihr Kommen. Die Zeit vor dem Friedensgottesdienst war gefüllt mit bangen Gefühlen, aber auch einer Gewissheit, dass auch die Menschen im Erzgebirge die Erneuerung unseres Landes ganz aktiv mit herbeiführen wollten. Viele Gespräche wurden geführt im Vorbereitungskreis des Neuen Forums. Ich traf mit meinen Kollegen zusammen, die sich mit diesem Anliegen solidarisierten. Gemeinsam waren wir zu seinem Gespräch mit dem Vorsitzenden des Rates des Kreises eingeladen. Eines unserer Hauptanliegen bestand darin, möglichst bald ein offenes Bürgerforum anzusetzen, das uns auch für Montag, den 6. November in der Festhalle zugesagt wurde.“  Ich bringe hier einige  Auszüge aus der Niederschrift  von diesem Gespräch, die Frau Kreher (Mitarbeiterin beim Rat des Kreises Annaberg) am 2. November 1989 verfasst und die am 10. November  beim Rat des Bezirkes Karl Marx Stadt, Kirchenfragen, registriert wurde.

„Niederschrift zum Gruppengespräch mit Pastoren der Evang. -Meth. Kirche
Teilnehmer:  Gen. Martin, Vorsitzender des Rates
                    Genn. Kreher, Mitarb. F. Kirchenfragen
                    Pastor Morgenroth, Cranzahl
                    Pastor Ringeis, Cranzahl
                    Pastor i.R. Weigel, Crottendorf
                    Pastor Schreier, Crottendorf
                    Pastor Weigelt, Königswalde
                    Pastor Fritzsch, Annaberg-Buchholz
Ort:              Rat des Kreises
Zeit:             01.11.,  09.00 – 12.00 Uhr
Thema:         Meinungsaustausch zu anstehenden Problemen
                    Friedensgottesdienst mit anschließender Fragestunde
                    zum „Neuen Forum“ am 04.11.89
                    in der Evang.- Meth.- Kirche Anaberg

Gen. Martin ging darauf ein, dass eine Wende in der Politik eingeleitet wurde, die darauf abzielt, einen besseren, sinnerfüllten Sozialismus zu gestalten. Es sei uns ernst damit, aus den Fehlern zu lernen und unser Haus vom Keller bis zum Dach neu zu gestalten aber das Fundament sollten wir stehenlassen.[…] Gen .Martin wies auf die in unserem Kreis und der Stadt Annaberg-Buchholz öffentlichen Foren hin, bei denen Bürger  offen ihre Gedanken darlegen können. […] Wir sind bereit, auch den Vertretern des ‚Neuen Forum’ eine solche Möglichkeit anzubieten. Hier wurde von hm konkret die Veranstaltung in der evang.-meth. Kirche Annaberg-Buchholz am 4. 11. angesprochen. Er formulierte unsere Bedenken hinsichtlich einer sich daran anschließenden Demonstration, deren Ausgang niemand voraussagen könne. […] Er bat die Pastoren, nun ihrerseits ihre Gedanken zu äußern. Pastor Morgenroth bedankte sich für das Zustandekommen dieses Gespräches. […] In seinen Ausführungen benannte er den Einsatz der VP und der Sicherheitsorgane gegen friedliche Demonstranten als ein vordringliches Problem, da unverzüglich aufgeklärt werden müsse. Das brutale Vorgehen gegen wehrlose Bürger in den Haftanstalten sei nicht nur im Zusammenhang mit den Demonstrationen zu sehen. [..] Pastor Weigel bezog sich auf den Artikel ‚Zuführung’, der in der ‚UNION’ abgedruckt war. Eine solche Praxis des Umgangs mit Bürgern sei unmenschlich. Die Bildung einer unabhängigen Untersuchungskommission zu diesen Vorgängen sei immer noch nicht erfüllt. Er sehe aber Zeichen des Lernens, dass die weitergehenden Demonstrationen friedlich verlaufen. […]Pastor Ringeis führte an, dass von Rückgewinnung von Vertrauen die Rede war. Was will man zurückgewinnen, was überhaupt noch nicht vorhanden war. Er sagte das zumindest für viele Leute seines Alters, die er kennt. […]Pastor Schreier erinnerte sich, in der Schule un d während seines Studiums gelernt zu haben, die Diktatur des Proletariats sei die höchste Form der Demokratie. Er habe nie begreifen können, dass nach der Auflösung der alten Macht wieder eine neue Macht angetreten ist, die nun umgekehrt die ursprünglich obere Schicht unterdrückt. Unter Demokratie verstehe er die Gleichberechtigung aller Parteien und nicht Machtanspruch einer Partei. […] Die restliche Gesprächszeit wurde über den Friedensgottesdienst am. 11. 89 diskutiert. Pastor Fritzsch begründete die Zur-Verfügung-Stellung seiner Räume damit, dass im Kreis Annaberg hinsichtlich der öffentlichen Artikulierung des ‚Neuen Forum’ Nachholbedarf bestand, da dies woanders schon Gespräche miteinander gab. Die Bemühungen, die Festhalle dafür zu bekommen, stießen  auf Ablehnung. Es sei nicht vorauszusagen, wer und wie viel Leute den Friedensgottesdienst besuchen werden. Man wolle Einfluss darauf nehmen, dass eine Demonstration, die zwar nicht geplant sei, friedlich verlaufe.“ (Wird fortgesetzt.)