< „Auf den Pfarrer kommt es an.“
Kategorie: Ausgabe 29. Juli 2014

100 Jahre Erster Weltkrieg (2)

Aus den Lebenserinnerungen von Fritz Häberlein, Crottendorf

„Eine letzte Bibelstunde, die auch Kriegsgebetsstunde genannt wurde, durfte ich halten.  Ich sprach über Röm. 8.31-29 ‚Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes? ‚ – Als ich wieder an die Front musste, konnte ich in Chemnitz, wo meine zukünftige Lebensgefährtin in Stellung war, einige Stunden verbringen. Wohl waren wir beide glücklich auf der Bank unter dem Holderstrauch, aber die Ungewissheit und ein banges Ahnen legte sich wie ein Raureif auf die keimende Liebe und Lebensfreude.  In bitterem Ernst, aber glaubensstarker, gottvertrauender Haltung, nahmen zwei junge Menschen in der Hauptbahnhofshalle Chemnitz Abschied voneinander.  An der Front angekommen, begann gerade die, für das Kriegsede entscheidende Offensive unserer alliierten Feinde. Wir wurden am 18 Juli 1918 in aller Frühe als eine der ersten Truppen überrannt und gerieten in französische Gefangenschaft. Auch an diesem, für mein weiteres Lebens so bedeutsamen Tag, gab mir der Herr eine bestimmt Ahnung und Vorbereitung.  Als die ersten Granaten über uns heulten und wir über den ersten Einschlägen in unserer Nähe erzitterten, musste ich zu meinem guten Kameraden Max Henschel sagen: ‚Wir werden heute gefangen.’  Als die feindlichen Sturmtruppen uns entdeckten und uns ihre schussbereiten Waffen entgegenhielten, mussten wir uns mit ‚Hände hoch’ ergeben, um unser Leben zu retten. Einer von den zitternden Feindsoldaten hielt mir die Pistole vors Gesicht, denn er wollte von mir etwas wissen. Ich schüttelte den Kopf und so ließ er von mir. Hier hatten wir wieder  einmal dem Tod ins Angesicht gesehen. Nun ging es rückwärts durch die feindl. Linien,  immer mit hochgehobenen Händen passierten wir den massenhaft nachrückenden Truppen und dem Nachschub der feindlichen Armeen. Zu unserm Schreck kamen auch braune und schwarze Kolonialtruppen. Der erste Halt war auf einem großen Hauptverbandsplatz. Hier gab es Verwundetet, denn unsre Artillerie wehrte auch den Großangriff ab. Wir waren oft in  Todesgefahr, von unseren eigenen Geschossen noch getroffen zu werden, denn unsere deutschen Truppen konnten auf uns keine Rücksicht nehmen. Oft riefen uns auch die feindlichen Soldaten neidisch zu ‚La Guerre finie’, für euch ist der Krieg zu Ende. Ja – ein Dankgebet stieg zum Himmel auf, trotz der dunklen Zukunft, der wir entgegen gingen. Wir waren jetzt wehrlos in die Hände unserer Feinde gegeben, wir standen oft in der weiteren Zeit Hasserfüllten Feinden gegenüber, die uns am liebsten getötet hätten, um Rache an uns zu nehmen für alle erlittenen Grausamkeiten, die ihnen die Allemagne (Deutschen) angetan hatten. Wir mussten Verwundetet tragen, zum Teil schwere Amerikaner, bis zur nächsten Verbandsstelle, die in einer großen Höhle war. Der erste Tag und auch die Nacht vergingen, ohne einen Bissen Brot und einen Schluck Wasser zu erhalten. Jetzt mussten wir lernen, von der Gnade oder Ungnade des Siegers abhängig zu sein. Da wurden wir einige Gefangene in eine andere Höhle getrieben, wo wir im Dunkeln nur fremdes Sprachgewirr vernahmen – auf einmal sahen wir im Kerzenlicht schwarze Kolonialsoldaten. Ihre weißen Zähne und Augen blitzten uns an. Ein Schrecken durchfuhr uns, - jetzt bekommen wir die Kehle durchgeschnitten. Aber siehe da – ein so dunkler, fremder Soldat packte mich am Arm und sprach mich mit ‚Kamerad’ an und überreichte mir ein Stück Weißbrot! Ein Dankseufzer stieg aus meinem Herzen zu meinem Treuen Heiland empor, der mir ja versprochen hatte, dass Er immer bei mir sein will, alle Tage, auch in der Gefangenschaft. – Nun begann der erste Appell. Französische Offiziere und Soldaten ließen uns in Reih und Glied antreten, ein Offizier hielt uns eine Ansprache in Deutsch. Er gab uns zu verstehen, dass wir nun als Gefangenen unter ihrer Herrschaft stünden, und gab uns die harten Verhaltensmaßregeln, die in franz. Gefangenschaft  gelten. Bei Ungehorsam würden die entsprechenden Strafen bis zur Todesstrafe erfolgen. Wir mussten alles noch behaltnen Eigentum abgeben  und vor uns hinlegen. Mein Eigentum, Bibel, Losungsbüchlein, Brief von Mutter und Elsa sowie weine Geldbörse mit Inhalt legte ich im Glauben vor mir hin und dachte im Gebet um Erhaltung des mir gebliebenen Gotteswortes, an das Schilfkästlein, in dem der kleine Mose lag. Ich sah, wie alle Bücher und Briefe auf einen Haufen geworfen wurden und betete, Herr, erhalte mir Dein Wort, ich brauche s als ein Licht auf meinem Wege. Der Franzose nahm die Pappschachtel in die Hand, warf die Geldbörse mit dem E. K.  fort. Dann blätterte er in der Bibel, sah die 2 Briefe, nahm das Losungsbüchlein und legte beides wieder zurück in den Karton.“ (Wird fortgesetzt, TR.)