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Kategorie: Ausgabe 28. Januar 2013

Amen oder Amin

Erfahrungen aus der Mitarbeit in einer Mentorengruppe und Begegnungen mit islamischen Jugendlichen, mitgeteilt von Arnim Schreiber, Reutlingen in der Dokumentation „Wurzel aus Fünfundzwanzig“.

„Ich möchte doch dabei nichts falsch machen, deshalb frage ich sie lieber vorher“, so erklärte mir Derya.
Im Ethikunterricht wurden über Unterschied und Gemeinsamkeiten der Weltreligionen gesprochen. Manches blieb dabei für die drei Mädchen offenbar unklar. Deshalb sprach ich mit Gülten, Derya und Senay nochmals über dieses Thema. Da die Mädchen wissen, dass ich Christ bin, wurde fast selbstverständlich der Unterschied zwischen ihrer eigenen Religion, dem Islam, und dem Christentum Mittelpunkt unseres Gesprächs.
Durch ihre islamische Erziehung wurde de Mädchen vermittelt, dass die Zuwendung Gottes und schließlich auch das jenseitige Paradies nur durch die Einhaltung vielerlei Vorschriften und Regeln zu erlangen seien. Im Ethikunterricht ihrer Schule erfuhren sie nun, dass auch die christliche Religion Gebote kennt. Die Mädchen vermuteten wohl deshalb, dass die Christen glauben, die Gebote seien zu befolgen, weil ansonsten Strafen Gottes zu befürchten wären. Ob dies im Unterricht wirklich missverständlich dargestellt oder von den Sechzehnjährigen nur so verstanden wurde, jedenfalls meinten die Mädchen, dass sich die Christen gleich Muslimen bemühen müssen, ihr ewiges Heil zu verdienen. Deshalb, so folgerten sie, bestünden die Unterschiede zwischen der christlichen Religion und dem Islam lediglich in Formen, Traditionen und Gepflogenheiten, also eigentlich in Nebensachen.
Als ich ihnen widerspreche und zu erklären versuche, dass ich im Gegensatz zum Islam glaube, die Liebe Gottes wird mir ohne jedes eigene Bemühen, ohne die Pflicht irgendwelche Regeln einzuhalten, geschenkt und ich dieses Geschenk deshalb nur anzunehmen brauche, reagieren sie erstaunt und skeptisch. „Ganz ohne eigene Anstrengungen, ganz umsonst, das gibt es doch gar nicht“. Dennoch oder vielleicht gerade deshalb, weckte das Gespräch das Interesse der Mädchen an der Botschaft des  Evangeliums. „Da müsste man sich doch mal genauer informieren“, so ihre einhellige Meinung.
So kam es, dass Gülten, Derya und Senay den Wunsch äußerten, einmal einen christlichen Gottesdienst zu besuchen und wir vereinbarten, dies alsbald gemeinsam zu tun. Nachdem ich den Mädchen Gestaltung und Inhalt eines Gottesdienstes erklärte, hatten sie viele Fragen:
„Wenn ich ein Liederbuch bekomme, darf ich dann mitsingen? Was muss man bei einem Gottesdienst anziehen? Darf man die Jacke auch ausziehen? Muss ich in der Kirche meine Mütze abnehmen? Sind dort, wie in der Moschee, die Schuhe auszuziehen? Wie lange dauert so ein chistlicher Gottesdienst? Liest man da auch in der Bibel? Wie beten die Gottesdienstbesucher? ...“
Derya ist als gläubige Muslima stets darauf bedacht, die Vorschriften ihrer Religion, beispielsweise das fünfmalige tägliche Gebet, genau einzuhalten. Wahrscheinlich befürchtet sie, durch den Besuch eines christlichen Gottesdienstes Vorschriften ihrer eigenen Religion zu verletzen und überlegt, wie sie ihren religiösen Regeln während des Gottesdienstes einigermaßen genügen könne. Besorgt, dabei ja nichts falsch zu machen aber auch keinen Anstoß zu erregen,  fragt sie mich:
„Darf ich im Gottesdienst auch mit ausgestreckten Händen beten und vor dem Gebet ‚Wudu’ (Reinigungsgeste der Hände, Gesicht, Ohren …) machen? Und darf ich statt ‚Amen’, wie das bei Christen üblich ist, ‚Amin (arabisch Amen) sagen?“